Jan Svenungsson

Heymer, Kay. Katalogtext/Interview, Luther und die Avantgarde, Wienand 2017



Kay Heymer: Welche Aspekte der Leistungen – oder Fehler – Martin Luthers spielen für Deine Arbeit in Wittenberg eine Rolle?

Jan Svenungsson: Als ich im zum ersten Mal „meine” Zelle gesehen habe, dachte ich, nun sei die Zeit gekommen, in der man Fakten und Grundhaltungen klarstellen müsse. Ich denke, Luther hatte um 1517 einen ähnlichen Gedanken.

KH: Übersetzung spielt  in Deiner eigenen Arbeit schon lange eine wesentliche Rolle. Kannst Du darüber etwas in Bezug auf die historische Rolle Luthers sagen?

JS: Mich interessiert der Raum zwischen den Sprachen, was ich zum ersten Mal bemerkt habe, als ich vor langer Zeit mein erstes Übersetzungsprojekt begann. Ich war von einem Text völlig begeistert und wollte Passagen daraus mit Freunden teilen. Daher begann ich, ihn zu übersetzen, und im Verlauf dieses Prozesses gelangte ich nebenbei zu einem wesentlich profunderen Verständnis der Gründe, Bilder zu machen, die man ja nicht übersetzen kann. In beiden Tätigkeiten erlebt man Freiheit. Jede Freiheit kann missbraucht werden. In der heutigen Situation, wo der Klimawandel die größte Sorge ist, verstehen wir, wie Luthers Beharren darauf, dass jedes Individuum selbst Texte interpretieren können sollte, auch erlaubt, wissenschaftliche Feststellungen zu ignorieren und sich auf sein eigenes kurzfristiges Ziel zu konzentrieren, zum Schaden von uns allen und unseren Nachkommen.

KH: Hältst Du Luther für einen Rebellen, einen Einzelkämpfer, der den Kurs der gesellschaftlichen Entwicklung in Mitteleuropa veränderte?

JS: Das wird uns doch so erzählt, nicht wahr? Ein Rebell, der sich schnell institutionalisierte.

KH: Was würde eine Persönlichkeit vom Range Luthers heute tun, in einer Welt, die von der Dominanz des „Postfaktischen“ und der „alternativen Tatsachen“ bedroht ist?

JS: Vor einigen Monaten wurde ein amerikanischer Präsident gewählt, und zwar mit überwältigender Unterstützung der sogenannten evangelikalen Gemeinschaft seines Landes. Dieser Präsident zeigt keinen Respekt vor anerkannten Tatsachen und hält sich nur an solche „Fakten“, die seine Emotionen und persönlichen Ziele fördern. Er lehnt jede Autorität jenseits seiner selbst ab. Stattdessen sehen wir, wie der Papst und die Katholische Kirche sich bemühen, Respekt vor der Wissenschaft und anerkannten nicht religiösen Tatsachen in ihre sich langsam entwickelnde Glaubenslehre zu integrieren. Hinzu kommt, dass die Evolution von Technologie und Neuen Medien im Privatleben von uns Allen dem Narzissmus eine fast normgebende Bedeutung gegeben hat, was noch vor kurzem undenkbar schien. Das bildet einen interessanten Hintergrund für die Diskussion von Martin Luthers Initiative in Wittenberg und macht auch ein genaues Nachdenken über die Rolle der Kunst in dieser sich wandelnden Welt erforderlich.

Kay Heymer